Die Ebene von Nazca

Ein Flugplatz der Götter?

Ein Report von Walter Hain

 

    Im Jahr 1939 entdeckte Dr. Paul Kosok von der Long Island Universität in New York, die geheimnisvollen Bodenzeichnung in der Ebene von Nazca, die mittlerweile durch die populärwissenschaftliche Literatur gegangen sind und besonders im Raumfahrtzeitalter, dem 20. Jahrhundert, für einiges Aufsehen sorgten. Es  sind unzählige Linien, die sich teilweise Kilometer lang über Täler und Berge erstrecken und seltsame trapezförmige Flächen, Landebahnen für Flugzeuge nicht unähnlich, aber auch eigenartige Tierbilder und Figuren, in einer ununterbrochenen Linie in den Sand gezeichnet. Schon 1962 schrieben die beiden französischen Forscher und Autoren, Louis Pauwels und Jacques Bergier: "Die Photographien der Ebene von Nazca, die wir heute besitzen, lassen uns zwangsläufig an die Markierungen eines Flugplatzes denken." Ein gewisser Prof. Mason vermutete dahinter eine Art Religion der Trigonometrie.

    "Das gro0e Geheimnis der Ica-Nazca-Kulturen sind die in den Felsgrund eingezeichneten 'Linien'-Gebilden, phantastische rechteckige oder kurvenförmige Motive, oft auch Vogel- oder Fischornamente. Diese fast abstrakt wirkenden 'Scharrbilder' erstrecken sich mit ihren teils geometrischen, teils figürlichen Gebilden oft über kilometerweite Strecken hin. Sie sind etwa 1500 Jahre alt und können ebenso gut kalendarische wie auch genealogische Aufzeichnungen sein. Der einzige zuverlässige Anhaltspunkt ist das Jahr 500 n. Chr., die mit Hilfe der Radiokarbon-Datierung festgestellte Datierung eines hölzernen, am Ende eines solchen Nazca-Scharrbildes von einem amerikanischen Archälogen aufgefundenen Vermessungspflocks", schreibt Viktor von Hagen in seinem 1962 erschienenen Buch "Sonnenkönigreiche".

    Erich von Däniken schrieb im Jahr 1968: "Professor Alden Mason, Spezialist für peruanische Altertümer, vermutet in den Anlagen Zeichen einer Art von Religion - vielleicht aber auch einen Kalender", jedoch "UNS vermittelt die 60 Kilometer lange Ebene von Nazca - aus der Luft betrachtet - eindeutig die Idee eines Flugplatzes." Weiters fragt Däniken: "Welchen Zweck aber dienten dann die Linien von Nazca? Nach unserer Vorstellung könnten sie mit Hilfe eines Modells über ein Koordinatensystem ins Gigantische übertragen oder aber nach Weisungen aus einem Flugzeug gebaut worden sein. Ob die Ebene von Nazca je ein Flugplatz war, ist heute noch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Eisenverstrebungen wird man sicher nicht finden. Denn die meisten Metalle korrodieren in wenigen Jahren, Gestein aber korrodiert nie. Ist die Vermutung abwegig, dass die Linien gelegt wurden, um den 'Göttern' anzuzeigen: Landet hier! Es ist alles vorbereitet, wie 'ihr' es befohlen habt! Mögen die Erbauer der geometrischen Figuren nicht geahnt haben, was sie taten. Vielleicht wussten sie, was die 'Götter' zum Landen brauchten."

    Für einen anderen Forscher und Autor, Karl F. Kohlenberg, war es 1970 noch etwas "voreilig.., die Markierungen und Flächen von Nazca als prähistorische Flugplätze anzusprechen". Er teilte die Ansicht von Paul Kosok, dass die Zeichen irgendwie mit der Astronomie in Verbindung stehen. Er meinte, dass "diese Flächen und Linien flugtechnischen Anlagen gleichen, ohne es jedoch zu sein. Es kann sich nur um - freilich gigantische - Hinweiszeichen handeln, die in ihren Ausmaßen erst aus großer Höhe zu erkennen sind". Kohlenberg verglich damals eine spiralförmige Bodenzeichnung, mit den Zeichnungen der afrikanischen Dogon, die ähnliche Figuren als Abbilder der Ströme des Universums ansehen.

    Die deutsche Mathematikerin, Physikerin, Philosophin und Geographin Maria Reiche hatte sich ab 1946 lange Jahre eingehend mit den so genannten Scharrbildern in der Nazca-Ebene von Peru befasst und diese auch penibel aufgezeichnet und vermessen. "Wer von Lima nach Chile fliegt oder nach Arequipa, hat manchmal das Glück, auf halbem Wege zwischen beiden Städten am Westhang der Anden entlang zu fliegen. Dann wird er von oben auf flachem Wüstengelände auf Hochterrassen und an Berghängen riesige Drei- und Vierecke entdecken, deren wie mit einem Lineal gezogenen Umrisse helle Flächen umgrenzen, die sich gegen den dunklen Untergrund scharf abheben. Einige könnte man für Flugplätze halten", schrieb Maria Reiche in ihren 1976 erschienen Buch "Geheimnis der Wüste". "Das Haupterscheinungsgebiet der Bodenzeichnungen erstreckt sich über etwa 50 Kilometer von Norden nach Süden", schreibt Maria Reiche an anderer Stelle.

Bild: Die trapezoiden Linien in der Ebene von Nazca.

    Tatsächlich erwecken die geometrischen Gebilde weniger den Eindruck eines Flugplatzes, sondern eher den von Landebahnen, Landepisten, für irgendwelche Flugzeuge. Aus der Luft betrachtet, fällt einem auf, dass die meisten Trapeze ungefähr in zwei Richtungen weisen: die einen nach Osten, die anderen nach Süden. Weiters bemerkt man bei einigen, am schmaleren Ende, eine lange gerade Linie, die von der trapezförmigen Fläche weit in die Ebene, zum Horizont hin, hinausragt. Dies ergibt für Landebahnen, oder Landepisten aber wenig Sinn. Viele der Flächen weisen mit ihrer schmalen Seite in die Ebene hinaus, während sie mit ihrer breiteren Seite dicht an einem angrenzenden Bergrücken liegen. Dadurch müsste ein Flugzeug, an der bei vielen Linien viel zu schmalen Seite aufsetzen anstatt an der breiteren Seite.

    Die "Pisten" wären - wenn schon - eher für kleinere einmotorige Flugzeuge geeignet, weil sie nicht lang genug sind. Einige finden sich auch auf den angrenzenden Hügeln, was für Landebahnen ungünstig wäre, weil etwaige Flugzeuge über die Landebahn hinausrollen könnten. Wir denken hier nicht an unsere Flugzeugträger, die ja ebenfalls sehr kurze Landebahnen haben auf denen aber auch nur kleinere Flugzeuge landen können. Eigentlich werden die "Landebahnen von Nazca" präastronautisch gedeutet und da denken wir schon an größere Flugobjekte etwa dem Spaceshuttle ähnlich und diese benötigen längere Landebahnen. Die mögliche technische Entwicklung würde wahrscheinlich auch andere Zivilisationen im Weltall, zu einem Raumschiff führen wie dem Spaceshuttle der Nasa. Da aber so ein Raumgleiter aus großer Höhe landen muss, benötigt er eine weitaus längere Landebahn als irdische Luftfahrzeuge. Der Shuttle benötigt nämlich eine 3000 Meter lange und 45 Meter breite Rollbahn, denn die Geschwindigkeit beim Landen von etwa 290 km/h als auch der Aufsetzwinkel sind größer als bei gewöhnlichen Flugzeugen. Die Nazca-Flächen sind daher als mögliche Landebahnen für Flugzeuge aus dem Weltall zu kurz, nach Maria Reiche sind sie "425 bis 800 Meter lang".

    Erich von Däniken ist der Ansicht, dass in der Ebene von Nazca irgendwann eine Art Shuttle gelandet ist, dieses aber "selbstverständlich keine Landebahnen braucht", unter Umständen sogar "nicht einmal Räder", denn es könnte "nach dem Luftkissenprinzip landen". Nun ist das ein etwas kühner Vorschlag, denn es wird technisch äußerst schwierig sein, ein Raumschiff im Anflug mit 290 km/h mittels Luftkissen abzubremsen. Es müsste zuvor schon mittels Raketendüsen gebremst werden, um dann "weich" zu landen. Aber dieser Vorgang verbraucht mehr Energie als die Lösung im Gleitflug. Ein Luftkissenfahrzeug würde auch erheblich viel Staub aufwirbeln und es wären dann keine Landespuren ähnlich Pisten zu sehen - weshalb die Nazca-Leute auch solches nicht nachahmen hätten können.

    Entgegen früherer Behauptungen, "dass auf der Nazca-Ebene "irgendwann einmal fremde Intelligenzen einen improvisierten Flughafen für ihre Raumfahrzeuge errichteten " und "auf dem idealen Gelände zwei Pisten anlegten" (Zurück zu den Sternen, 1969), meinte Erich von Däniken später, "ich behauptete niemals, dass diese Linien Pisten seien, welche außerirdische Lebewesen gebaut hätten" (Neue Beweise der Prä-Astronautik, 1979). Wenn die vielfach trapezoiden Flächen aber bloß Nachahmungen von Landespuren irgendwelcher Raumfahrzeuge sein sollen, dann müssen auch irgendwann von den Nazca-Leuten tatsächlich solche gesehen worden sein. Dabei könnte es sich um Räderspuren, Spuren von Kufen oder einfach um Schleifspuren gehandelt haben. Die Linien und Flächen sind aber nicht irgendwie grob sondern fein säuberlich mit klaren Rändern in den Wüstensand "gescharrt" worden. Auch die vielen Tierbilder sind exakt angelegt worden.

    Beim Betrachten aus großer Höhe von einem Flugzeug aus, sind die Zeichnungen tatsächlich beeindruckend. Irgendwelche Beziehungen zum Fliegen müssten die Nazca-Leute gehabt haben, meinten auch andere Forscher, die mit der Raumfahrer-Theorie nichts am Hut haben. Der Photograph und Flugpilot Jim Woodman, der Weltrekordler  im Höhenflug mit einem Heißluftballon1974 Julian Nott, und der Ballonkonstrukteur Ken TeKrony, wollten der Sache auf ihre Weise auf den Grund gehen. Mit einem aus Nazca-Textilien wie sie früher verwendet wurden 25 Meter hohen und ebenso breiten tetraederförmigen Ballon stiegen sie 1975 mittels Heißluft über der Ebene für cirka 14 Minuten bis auf 125 Meter auf. Sie glaubten die Nazca-Bewohner taten früher das gleiche, vermutlich haben sie sogar ihre Toten derart bestattet und übers Meer fliegen lassen. Einen Beweis für ihre Theorie wollen die Heißluftballon-Fahrer in Brandgruben an den Enden mancher Trapezoide erkannt haben.

    Auch wenn die Scharrbilder aus der Luft eindrucksvoll zu sehen sind, muss diese Betrachtungsweise bei der Anfertigung der Bilder nicht unbedingt entscheidend gewesen sein, selbst wenn man sie als mögliche Landesignale für Außerirdische betrachtet. So schreibt Maria Reiche: "Die wunderbare Regelmäßigkeit von zwei ineinander geschachtelten Spiralen wurde durch Aufwickeln zweier etwa 45 1/2 und 39 1/2 Meter langen Seile auf drei im Dreieck angeordnete Pfosten bewirkt." Diese Arbeit konnte durchaus auch von einem etwas  höhern Standort, etwa einem Holzgerüst, beobachtet und geleitet worden sein. Eventuell auch von den an die Ebene grenzenden Hügeln aus. Die Anweisungen von einem Flugzeug aus oder von einem Ballon (der nur wenige Minuten über der Ebene schwebt) oder gar von einem Raumschiff aus, ist da wesentlich problematischer. Außerdem sind viele ähnliche Bilder rund um den Globus auf ähnliche Weise am Boden entstanden, was oftmals die Asymmetrie der Figuren beweist. Gleiches gilt auch für die Bilder in der Nazca-Ebene.

    Natürlich ist weniger entscheidend wie die Figuren in der Nazca-Ebene entstanden sind als vielmehr WARUM sie entstanden sind. Warum haben die Nazca-Leute derartiges in die Ebene gescharrt? Es kann durchaus sein, dass die Gebilde von den Göttern gesehen werden sollten. Dabei müssen nicht unbedingt physische Götter gemeint sein. Die Götter waren ja bei fast allen Völkern im Himmel zuhause, was noch lange nicht heißt, dass es reale Lebewesen sein müssen. Auch Sonne, Mond und die Sterne waren Götter.

    Es ist bemerkenswert, schreibt Maria Reiche, "dass die Sitte, riesenhafte Bilder dem Boden einzuprägen, nicht nur in Peru existiert. An verschiedenen Stellen der Vereinigten Staaten findet man ausgedehnte Erdwälle in Form von Bären, Vögeln und Hirschen. Die größte ist eine Schlange von über 400 Meter Länge. Sie ist fast doppelt so lang wie die größte Nazca-Figur. Eine wie in Nazca leicht zu entfernende dunklerer Oberschicht über einem helleren Untergrund regte die Bewohner Südenglands an, riesige Pferdebilder zu schaffen, die auf weite Entfernung auf Hügelhängen des welligen, grasbewachsenen Geländes sichtbar sind. In den westlichen Wüstengegenden der Vereinigten Statten gibt es Stellen, deren Bodenbeschaffenheit fast die gleiche ist wie die der Nazca-Hochebene. Und in genau derselben Weise ist auch auf ihnen gezeichnet worden, nur von einer viel primitiveren Bevölkerung, die nie zur künstlerischen und technischen Vollkommenheit der Bewohner der peruanischen Küstentäler gelangt ist. Dutzende solcher Figuren sind gefunden worden, von der Grenze Kanadas bis zum südlichen Kalifornien."

    Unweit der Nazca-Ebene, zum Stillen Ozean zu, in der Bucht von Pisco, gibt es auf einer Anhöhe den so genannten "Kandelaber der Anden", der bisweilen ebenfalls als ein Zeichen für außerirdische Götter angesehen wird. Er wird sogar als Landesignal für den Anflug zur Nazca-Ebene, dem vermeintlichen Flugplatz der Götter, gesehen. Ein Pilot berichtete schon 1975 Jim Woodman während er über den Kandelaber flog: Er "ist wirklich ein völliges Geheimnis. Wir wissen nicht einmal, ob es einen Kandelaber oder die Dreifaltigkeit oder, wie manche sagen, vielleicht den Lebensbaum darstellt. Nach neuester Vermutung ist es eine Hilfe für die Flugnavigation, die zu den Landebahnen von Nazca weist". Jim Woodman fragte darauf den Piloten: "Tut sie's?" Und: "Weist sie nach Nazca?" Der Pilot erwiderte: "Nein sie weicht mehrere Grade von der Richtung ab - bei jeder Ablesung, die ich vorgenommen habe. Wenn ein alter Astronaut dem Kandelaber gefolgt wäre, hätte er Nazca um etwa 250 Kilometer verfehlt."

Bild: Der "Kandelaber" in der Bucht von Pisco.

   Der "Kandelaber", der etwa 250 Meter groß ist,  kann also nicht als Richtungsweiser angesehen werden. Tatsächlich dürfte es sich - wie bei ähnlichen Symbolen bei anderen Völkern - um eine Abbildung des Lebensbaumes handeln, der manchmal auch als Lebenskreuz (z.B. auf der Grabplatte von Palenque) dargestellt wird. Es ist die riesige Himmelssäule, unsere Milchstraße, die in der Nacht wie ein riesiger Baum am Himmel zu sehen ist. Der senkrechte Mittelteil stellt den Stamm (die Milchstraße) dar, die ausgebreiteten Arme den die Milchstraße kreuzenden Tierkreis und den Himmelsäquator.

    In der Ebene von Nazca wird, besonders vor einigen Jahrhunderten, nicht nur dieser "Lebensbaum" am Nachthimmel gut sichtbar gewesen sein, sondern auch die zahlreichen Sterne und Sternbilder. Es ist daher nicht von der Hand zu weisen, dass die Flächen, Linien und Bilder in der Nazca-Ebene einen astronomischen Bezug haben, was schon der Entdecker der Linien Paul Kosok festgestellt hat. Er bezeichnete die Ebene als das "größte Astronomiebuch der Welt". Praktisch alle gestalteten Flächen sind trapezförmig, laufen spitz zu oder enden manchmal auch in einer langen geraden Linie. Spuren von irgendwelchen Landefahrzeugen, seien es nun Räder oder Kufen, laufen immer parallel. Die Nazca-Leute müssten also - wollten sie Lande-SPUREN nachahmen - stets zumindest zwei exakt parallele Linien gezeichnet haben ohne Enden. Auch wenn es sich um Imitationen von Lande-BAHNEN handeln sollte, müssten diese stets PARALLEL verlaufen und nicht spitz zu. Oft enden die Trapeze mit ihrer breiten Seite an einem Berghang. Ein Landefahrzeug müsste also an der schmaleren Seite anfliegen was äußerst ungünstig wäre und würde bei überhöhter Geschwindigkeit am Berg zerschellen. Eine Landebahn auf einem Berg (es gibt tatsächlich auch Trapezoide auf Bergen) würde aus diesem Grund ebenfalls wenig Sinn machen.

     Im Jahr 1969 erforschte der Astronom Gerald Hawkins die Linien der Nazca-Ebene nach möglichen Übereinstimmungen mit den Positionen der Sterne, dem Mond und der Sonne. Dazu benützte er einen Computer, mit dem er zuvor schon den englischen Steinkreis in Stonehenge entsprechend untersucht hat. Hawkins kam schließlich zu der Ansicht, dass keine Wechselbeziehung zwischen dem Sonnwendpunkt und den Linien in der Nazca-Ebene besteht. Maria Reiche dagegen schreibt: "Am 21. Dezember geht die Sonne rechts von zwei Linien unter. Innerhalb der ersten sechs Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung berührte die Sonne den Horizont genau über der Linie. Falls sie zur Sonnenbetrachtung gezeichnet wurde, könnte das eben innerhalb dieses Zeitabschnittes gewesen sein.

Bild: Die astronomische Deutung der Nazca-Linien (Grafik: W.Hain).

    Es wurde aber vielleicht der letzte Lichtpunkt der Sonne beobachtet, und zwar in einer Zeit zwischen 350 und 950 n. Chr. Eine andere Linie könnte zwischen 800 und 1400 n. Chr. der vollen Sonnenscheibe entsprochen haben. Der letzte Lichtpunkt der Sonne kommt hier nicht in Frage, da er erst jetzt mit der Linie zusammenfällt." Sie meinte, "dass viele Nazca-Linien mit dem Kalender zu tun haben. Einige laufen z.B. auf den Punkt zu, an dem die Sonne bei der Sommer- und Wintersonnenwende untergeht. Sie hängen also mit den Jahreszeiten zusammen! Nachdem sich die Erdachse etwas verschoben hat, seit diese Linien gezogen wurden, weicht auch der Sonnenuntergang, von der Wintersonnenwende geringfügig von der Linie ab. Tatsächlich hat Maria Reiche insgesamt 11 Sonnenwendlinien entdeckt und viele davon auch photographisch festgehalten. Schon Paul Kosok hatte ein eindrucksvolles Foto von einem Sonnenuntergang exakt auf einer dieser Linien veröffentlicht.

    Zur astronomischen Deutung der Linien von Nazca tragen auch die zahlreichen Tierbilder bei. Dazu schreibt Maria Reiche: "Sie könnten gut mit den Jahreszeiten zusammenhängen. Viele, wie ein Riesenvogel, kommen auch auf den Keramiken der Nazca-Völker vor, wie der Fisch, die Spinne und der Affe, der das Symbol der kommenden Regenzeit ist und auf einem Gefäß abgebildet ist, das in Bildern das ganze Nazca-Jahr darstellt und das im Juni zur Sommersonnenwende begann."

    Und weiter schreibt Maria Reiche: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Affe, das Sternbild des Wagens oder des Großen Bären bedeutet. Der Große Bär ist natürlich hier umgekehrt sichtbar oder der Wagen und die Deichsel des Wagens umgekehrt, sodass die Arme der Deichsel entsprechen würden. Dieses Datum, in dem dieses Sternbild zum ersten Mal im Jahr erscheint, ist sehr wichtig, denn das Wasser in den Flüssen wird hier im Dezember erwartet und die Leute fangen an ihre Felder vorzubereiten - auch wenn das Wasser manchmal erst im Februar kommt und in alten Zeiten war es ebenso. Die Leute hatten keinen Kalender, sie mussten dennoch ganz genau wissen wann sie mit dieser Arbeit anfangen sollten und daher beobachteten sie den Himmel und sahen, dass der Große Bär im Dezember zum ersten Mal im Jahr sichtbar war, zu gleicher Zeit in der das Wasser ankommt."

 

  

    Der amerikanische Astronom und Anthropologe Professor Anthony F. Aveni beschäftigt sich bereits seit 1979 mit den Linien von Nazca. Er hat festgestellt, dass von den insgesamt 762 Linien in der Pampa viele auch strahlenförmig von einem Zentrum aus zum Horizont verlaufen. Er meint, dass sich Gerald Hawkins bei seinen Untersuchungen zu sehr auf die Gegebenheiten in Stonehenge und nicht auf jene in Nazca konzentriert hat, wo sich z.B. "der Himmel auf dem Breitengrad von Stonehenge (51 Grad nördlicher Breite) erheblich von dem in Nasca (15 Grad südlicher Breite) unterscheidet". "Was war beispielsweise mit dem Sonnenstand an den Tagen des Jahres, die das Ende der Fischfang- und Pflanzsaison signalisieren?", fragt der Astronom. Was war mit dem "Kreuz des Südens", dem "Kalvarienkreuz" oder den Plejaden, deren Auf- und Untergang am Nachthimmel die Fischfangsaison südlich von Moche markiert? Oder etwa der Fluss der Milchstrasse in den Horizont. Anthony F. Aveni fütterte seinen Computer mit den wichtigen Daten des Mayakalenders und verglich erst danach diese mit den Lauf der Linien. Obwohl seiner Meinung nach "Reiches astronomische Berechnungen für gewöhnlich stimmen" und manche "auf den Sonnenuntergang im Antizenit ausgerichtete" Linien "durchaus als astronomische Peillinien gedient haben", so haben sie als Ganzes "nichts mit Astronomie zu tun". Auch die Ähnlichkeit der Affenfigur mit dem umgekehrten Sternbild des Großen Bären kann Professor Aveni nicht erkennen. Er kommt schließlich zu dem Schluss, dass die Linien etwas "mit dem Wasser zu tun" haben "und den Bergen, aus denen das kostbare Nass kommt". Dieses leitet er aus einer großen Trefferzahl der Richtung der Linien ab, die auf den Punkt weisen, wo die Sonne im Frühjahr nach Süden wandert und im Winter zurück nach Norden. Also kann man einige der Linien doch astronomisch deuten.

    Was liegt denn für ein Volk, das in oder bei einer derartigen Ebene wohnt, die praktisch vegetationslos ist, die in der Nacht den freien Blick zum gesamten Himmel ermöglicht näher, als diese eindrucksvollen Objekte mit Hilfe von Linien einzufangen und anzuvisieren. Fast sämtliche Völker rund um den Globus taten dies, in England, in der Bretagne, in Ägypten wie auch in anderen Ländern. Die Sterne und der Mond waren - außer dem Feuer - die einzigen Lichter in der Nacht und die Luft war noch wesentlich klarer, die Sichtbarkeit wesentlich besser als  heutzutage durch die vielen Abgase. Die Menschen damals hatten auch kein Kino und kein Fernsehen und die einzigen Schauspiele in der Nacht waren am Himmel zu sehen. Deshalb sind die meisten Kultbauten mehr oder weniger astronomisch ausgerichtet und fast alle Mythen der Völker haben deshalb einen astronomischen Hintergrund.

    Professor Aveni ist auch der Ansicht, wie schon vor ihm andere Forscher, dass die Linien und Flächen für kultische Handlungen benutzt wurden. Viele der astronomisch ausgerichteten Bauten und Bodenzeichnungen der Völker wurden zu Kultzwecken benutzt, so wahrscheinlich auch die in der Ebene von Nazca. Die Nazca-Leute haben zeremonielle Läufe und Tänze in den Linien und Flächen aufgeführt und an den Enden der Trapeze Feuer entzündet was man anhand der Brandgruben noch heute erkennen kann. Wahrscheinlich werden alle "irdischen" Theorien zusammen, sowohl die astronomischen wie die wasserorientierten als auch die kultischen dem ganzen einen Sinn geben - die astronautischen sind leider nicht überzeugend.

 

(Textauszug aus meinem Buch IRRWEGE DER GESCHICHTE, Wien 1981, geringfügig überarbeitet und aktualisiert)

 

Quellen:

 

Aveni, Anthony F.: Das Rätsel von Nasca, München 2000.

Bergier, Jacques; Pauwels, Louis : Aufbruch ins dritte Jahrtausend, München 1979.

Däniken, Erich v.: Zurück zu den Sternen, Düsseldorf 1969.

Däniken, Erich v.: Neue Beweise der Prä-Astronautik, Rastatt 1979.

Hagen, Victor W. v.: Sonnenkönigreiche, München 1962.

Kohlenberg, Karl F.: Enträtselte Vorzeit, München 1970.

Reiche, Maria: Geheimnis der Wüste, Stuttgart 1976.

Woodman, Jim: Nazca. Mit dem Inca-Ballon zur Sonne, München 1977.

Im Internet:

http://homes.hallertau.net/~alexbeck/bilder/sudam/nazca/nazca.html

http://mainz-online.de/old/97/08/22/topnews/nazca.html

 

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